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Das Jahr 1997

Kim Kerkow: 9. Januar 1997: Die zehnjährige Kim Kerkow aus dem niedersächischen Varel wird auf dem Heimweg von einem Treffen mit Freundinnen verschleppt. In der Wohnung seiner sich im Urlaub befindenen Eltern in Horumersiel bei Wilhelmshaven missbraucht der 34jährige Kaufmann Rolf Diesterweg, der eine eigenes Haushalts- und Geschenkartikel-Geschäft besitzt, das Mädchen sexuell und erdrosselt es mit einem Schal. Danach zündet er eine Kerze an, spricht ein Gebet und hört Musik.

Einen Tag später finden Wanderer ein einem Waldstück im Naherholungsgebiet Amsterdamer Busch in Holland, rund 300 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt, die Leiche des Mädchens. Zunächst erklärt die Polizeipsychologin Eva-Maria Wiegel, dass es sich bei der Entführung um eine professionelle Auftragsarbeit handeln könnte, um Kim in ein Kinderbordell zu bringen. Junge Mädchen seien "beliebte Handelsware". Sie verweist dabei auf Produzenten von Kinderpornos und Bordelle für Pädophile. Kurz darauf wird Diesterweg von einem Mobilen Einsatzkommando in seiner elterlichen Wohnung in Horumersiel gefasst, nachdem zwei Bundesgrenzschutzbeamte ihn nach einem Phantombild erkannt haben. Auch er ist einschlägig vorbestraft. Zudem missbrauchte und tötete er vor (damals) 18 Jahren die elfjährige Sylke Meyer aus Horumersiel. Für diese Tat wurde er wegen Totschlags zu sechs Jahren Jugendstrafe verurteilt, von der er allerdings nur zwei Drittel verbüßte, also nach vier Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen wurde.

Doch das ist noch nicht alles: Diesterweg wird später auch angeklagt, im August 1991 in der Nähe von Limburg einen 13jährigen Jungen entführt und missbraucht zu haben. Und im August 1996 soll er im Kreis Oldenburg einen zehnjährigen Jungen in den Wald gelockt, ihn geschlagen, getreten und versucht haben, sich an ihm zu vergehen. Auch dies wird Diesterweg später zugeben.

"Wir bitten Dich, lass unsere Wut nicht so groß werden, dass sie unsere Sinne verfinstert", betet der Pfarrer bei Kims Beerdigung, doch die aufgebrachte Gemeinde erhört ihn nicht. Wenige Wochen nach der Trauerfeier gründen die Bürger die "Initiative Kim". Auf der Forderungsliste stehen: mehr Schutz für die Opfer, Einführung eines Opferanwalts und eines Kinderbeauftragten sowie die Verschärfung des Strafmaßes für Sexualtäter.

"Wir wollen nicht tatenlos hinnehmen, dass in Deutschland Jahr für Jahr 800 Kinder und Jugendliche verschwinden, misshandelt und ermordet werden", erklärt Harald Menge, der Vorsitzende der "Initiative Kim". Einige fordern auch die Einführung der Todesstrafe. "Kim" ist nicht die einzige Bürgerinitiative, die in diesem Jahr gegründet worden ist. Elf von ihnen schließen sich zum Dachverband "Forum gegen Gewalt" unter dem Motto "Wir sind es leid" zusammen, um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Gemeinsam wollen sie der zunehmenden Gewalt und Kriminalität in unserer Gesellschaft entgegenwirken. Die neu aufgeflammte Diskussion um eine Verschärfung des Sexualstrafrechts wird auch politisch geführt.

Ende Oktober 1997 beginnt der sechs Verhandlungstage dauernde Prozeß vor dem Oldenburger Landgericht gegen Diesterweg, der kurz zuvor vor den Kameras und Fotoapparaten der Presse zusammenbricht und weint. Minderwertigkeitskomplexe, Ängste, Unsicherheit, berufliche Probleme, private Schulden, starker Kokainkonsum, Gewaltphantasien - davon erzählt der Kindermörder. Und er bereut. "Ich brauche bitte ganz dringend Hilfe, bitte",sagt er abschließend.

Die Richter sprechen im Blick auf den Mörder von einem hochintelligenten und skrupellosen Straftäter, der aber zugleich "unwiderlegbar krank" sei. Er sei bisexuell und phädophil, nicht aber "sexuell abartig". Sie verurteilen ihn zur Höchststrafe: lebenslange Haft. Dennoch: Kims Mutters Frage "Wieso durfte er sich frei und unbeaufsichtigt in der Öffentlichkeit bewegen?" scheint immer noch nicht beantwortet zu sein. Und bitter fügt sie hinzu: "Meine Tochter könnte heute noch leben."

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Survivor (Überlebende)